Heute Glarus – Morgen die Schweiz
Mein Text für das Mitgliederheftli der SP-Schweiz „links.ch“:
Zwei Jahre lang setzte sich die JUSO Glarnerland für die Einführung des Stimmrechtsalters 16 ein. An der Glarner Landsgemeinde vom 6. Mai durfte dann gefeiert werden: Das Volk stimmte dem JUSO-Antrag knapp zu.
Es giesst wie aus Kübeln als wir uns am Landsgemeinde-Sonntag in Glarus am Bahnhof mit JUSOs aus anderen Sektionen treffen. Kurz darauf im Landsgemeinde-Ring, der Urdemokratischen Glarner Legislative, wo man „raten, mindern, mehren und wählen“ darf, will niemand Diskutieren. „Ds Wort isch frii“, sagt der Landammann, und sechsmal sagt er darauf „ds Wort wird nüd verlangt“. Dann steht das Traktandum sieben an, das Stimmrecht 16. Doch der Reihe nach:
Im Frühling 2005 reicht die JUSO Glarnerland ihren Antrag ein. Die Kantonsverfassung soll geändert werden, 16-jährigen soll das Stimmrecht gewährt werden. Die Regierung unterstützt das Vorhaben überraschend. Sie möchte jedoch nur das aktive Stimmrecht, also abstimmen und wählen aber nicht gewählt werden. Die JUSO schliesst sich nach intensiven Diskussionen dieser Haltung an, das Mündigkeitsalter 18 soll auf keinen Fall in Frage gestellt werden. Trotzdem lehnt der Kantonsrat die angepasste Variante deutlich ab. Die SVP, FDP, CVP und ihre Jungparteien schlagen sich auf die Seite der Gegner. Links gibt es Unterstützung und auch einige Bekannte Bürgerliche stellen sich hinter die Idee.
Im politischen Alleingang, aber mit vielen Jungen auf unserer Seite, führen wir eine intensive Kampagne. Wir organisieren ein Komitee mit 250 Unterstützern, verteilen Flyer und Buttons und kleben Plakate. Trotzdem rechnet kaum jemand mit einem Sieg.
Wir stehen im Ring in der Nähe der Rednerbühne. Fünf RednerInnen haben wir im Vorfeld eingeplant, darunter drei JUSOs. Zuerst spricht ein erzürnter Gegner: Die Jugend schlage am ersten Mai nur alles kurz und klein, nehme Drogen und sei sowieso unanständig. Köpfe drehen sich zu uns und schauen uns mitleidig an. Doch dann spricht unser erster Redner, und andere Folgen. Sie beschwören die Demokratie, verweisen auf „learning-by-doing“ und erzählen aus den komplizierten Lebensumständen heutiger Jugendlicher. Ein SVP Kantonsrat unterstützt uns indem er betont, nur weil die gute Idee diesmal von der JUSO gekommen sei, sollte man nicht dagegen sein. Zum Abschluss steht Donato, unser Co-Präsident, gerade erst 18 geworden, breitbeinig und mit Beret auf der Bühne und fordert: „Durchbräched mir die höchä Bärgä voder Stuurheit“. „Wie ein Junger Che Guevara“, frotzeln einige, während andere sich über das Feuer in seiner Rede freuen. Die Voten der Gegner rangieren eher unter peinlich. Erstaunt müssen wir feststellen, dass die Bürgerlichen Parteien keine Redner losschicken um ihre Nein-Parolen zu vertreten. Gibt es keine Argumente oder wollen sie der Diskussion ausweichen? Wohl beides.
Als es zur Abstimmung kommt, stehen wir zitternd vor Kälte und Anspannung im Regen. Genossin Micheline, heute Ehrengast, schaut von der anderen Seite der Tribüne besonders Milde. Und dann, nach dreimaligem „Ausmehren“ heisst es: „Ds zweit isch ds gröösärä Mehr, sie händ am Aatrag voder JUSO Glarnerland zuägstummä“. Wir liegen uns in den Armen und klopfen uns die Schultern wund. In der Mitte des Ringes lachen die zuschauenden Jugendlichen in die Kameras und freuen sich über ihre neuen Rechte.
Danach feiern wir im Jugendhaus. „Wow, man kann also tatsächlich etwas verändern, machen wir Morgen gleich weiter?“, sagt ein junger Genosse. Kurz darauf schickt der Mediensprecher der JUSO Schweiz seine Pressmitteilung ab: „Heute Glarus – Morgen die Schweiz“ titelt er. Ja, warum eigentlich nicht?

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